Jugendhilfswerk Freiburg: Projekte



Roland Bader:

Partizipation mit Multimedia

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Zusammenfassung

Damit die Formen, in denen Multimediadienste und -anwendungen in den nächsten Jahren entstehen, nicht nur von wirtschaftlichen Interessen dominiert werden, sondern für alle Menschen eine Bereicherung bieten, ist eine breite und aktive Beteiligung vor allem der jungen Bevölkerung notwendig. Politische Konzepte zu Multimedia sind bisher allerdings wenig geeignet, die Aneignung der neuen Technologien 'von unten' zu fördern. Es fehlt weitgehend an medienpädagogischen Möglichkeiten für Jugendliche, mit Multimedia projektbezogen zu arbeiten und zu experimentieren. Ganz besonders gilt dies für sozial benachteiligte Jugendliche, die hauptsächlich als zukünftige Konsumenten multimedialer Unterhaltung betrachtet werden.

Multimedia: für wen?

(...) Ernstzunehmende Prognosen (z.B. von PROGNOS, Basel) gehen davon aus, daß ab 2010 Multimedia-Dienste und -Produkte unseren Alltag prägen werden, und zwar nicht nur den Freizeit- und Unterhaltungsbereich, sondern auch das Arbeitsleben, die Mobilität, die Sozialkontakte und unsere Erfahrungen von der Welt. (...)

Heute schon ist absehbar, daß Multimedia die Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche weiter vorantreiben wird. (...) Während für Menschen mit genügend Medienkompetenz der Zugang zu Wissen schneller, umfassender und komfortabler wird, bleiben andere in Bezug auf Information auf der Strecke, d.h. vor der Glotze und dem Videospiel hängen. Staatliche Förderprogramme für Multimedia in der Bundesrepublik konzentrieren sich einer Studie von Kubicek zufolge zumeist auf wenige große Projekte anstatt Breite und Vielfalt zu fördern und sind zu stark an der Technik orientiert sind statt soziokulturelle Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Dadurch entstand bisher wenig Gelegenheit zur Aneignung von 'unten'. Hooffacker prognostiziert für die Zukunft eine Zunahme von "junk information", multimedialen "junk foods" und einer Verschärfung der Kluft zwischen "information rich" und "information poor" (...).

zurück Demokratische Prinzipien wie das Grundrecht auf erschwingliche Information, die umfassende Beteiligung der Öffentlichkeit an Projekten, die Förderung von Gleichberechtigung und die Humanisierung der Arbeitsplätze durch interaktive Medien gehören in den USA längst zu den allgemein akzeptierten Standards beim Ausbau der National Information Infrastructure. Hinsichtlich öffentlicher Beteiligung sieht es in Deutschland demgegenüber schlecht aus, wie Kubicek seine ländervergleichenden Studien zusammenfaßt (...).

Obwohl hinter den vielen Reden, mit Multimedia zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen beizutragen, oft wirtschaftliche Interessen, naive Technikgläubigkeit und euphorischer Machbarkeitswahn stehen, ist die Idee, die neuen Techniken zu Demokratie und Partizipation zu nutzen, keinesfalls ohne reale Grundlage. Dazu muß die technische allerdings mit einer sozialen Utopie einhergehen. Multimedia muß an den realen Lebensverhältnissen und Problemen der Menschen ansetzen und sie dabei unterstützen, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, ihre kulturellen Ausdrucksformen zu finden und aktiv ihre Interessen zu vertreten. (...) "Heute liegen die Haupthindernisse für die Realisierung dieser Hoffnungen oftmals in mangelnder Phantasie, was die Konzeptualisierung von Medien/Technikanwendungen angeht, und in einer geringen Reformbereitschaft, die technischen Innovationen mit sozialen zu verknüpfen." (Riehm/Wingert, S. 136)

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Medienpädagogik und Multimedia

Angesichts der Veränderungen in unserem Alltag und angesichts der sozialen Auswirkungen von Multimedia steht auch die Medienpädagogik vor neuen Herausforderungen. Multimedia stellt an Rezipienten hohe Anforderungen hinsichtlich der Mediennutzungskompetenz, der eigenen Aktivität und Selektionsfähigkeit bei der Mediennutzung, der Offenheit und Bereitschaft, Neues zu lernen und sich auseinanderzusetzen, der Fähigkeit, "sich einzuklinken", der Selbständigkeit in der Orientierung. (...) Passives und entspannt-dissoziiertes Mediennutzungsverhalten ist den neuen Medien und Diensten nicht angemessen, sie fordern aktive Suche, Anschlußfähigkeit, Einmischung, Reflexionsbereitschaft. (...) Die traditionellen Massenmedien haben die Aktivierung der "Konsumenten" längst als Anliegen erkannt und setzen sie zunehmend mehr ein. (...) Medienpädagogik kann dazu beitragen, daß Medien erzieherische Aufgaben wahrnehmen im Sinn der Förderung von Aktivität, Gleichberechtigung und Partizipation. In Projekten mit Zielgruppen kann sie Jugendlichen die Möglichkeit geben, mit Multimedia auf eigene Weise zu experimentieren, zu lernen und zu arbeiten und damit zu einer lebendigen Multimedia-Kultur 'von unten' beitragen. Es bedarf des von Riehm und Wingert geforderten Muts zur sozialen Utopie, um Modelle zu entwickeln, die Partizipation und Aktivität zu fördern.

Grundzüge unserer Multimedia-Arbeit mit arbeitslosen Jugendlichen

Seit vier Jahren führen wir am Wissenschaftlichen Institut des Jugendhilfswerks Freiburg Multimedia-Projekte mit sozial benachteiligten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Erwachsenen durch. Grundlage unserer Multimedia-Arbeit ist die Orientierung an den Kompetenzen und Interessen der Jugendlichen und, neben der Förderung kultureller Ausdrucksformen, die Aktivierung der Teilnehmer. Bei der Arbeit mit Multimedia mit sozial benachteiligten und arbeitslosen jungen Menschen stehen neben der technischen Qualifizierung in hohem Maß soziale und kommunikative Fähigkeiten im Vordergrund.

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(...) 'Multimedia' meint ursprünglich und im engeren Wortsinn die computergestützte und interaktive Integration vieler Medien - Schrift, Sprache, Bild, Video, Computeranimation und Ton - in einem einzigen 'Hyper-'Medium. Als transportabler Speicher der unterschiedlichen Medien oder 'Daten' ist die CD-ROM besonders geeignet. Mit Multimedia als medienintegrierender Technologie ist aktive und kreativ-gestaltende Gruppenarbeit möglich und hat sogar ganz entscheidende Vorzüge in der pädagogischen Arbeit mit benachteiligten Gruppen. Die "alten" Medien Schrift, Fotografie, Comics, Musik, Video, Radio und Computerspiel knüpfen an den Alltagserfahrungen und Kenntnissen der Jugendlichen an. Gruppenarbeit mit diesen Medien motiviert die Jugendlichen, selbst aktiv zu werden, sich zu artikulieren und erweitert den persönlichen Ausdruck, die soziale und die Medienkompetenz. Besonders für unterprivilegierte Jugendliche ist die Arbeit mit Musik, Video, Bild und Computeranimation fruchtbar, weil sie die Jugendlichen in ihrem Wissen ernstnimmt und ihre Kompetenz und ihre Erfahrungen würdigt und erweitert. Hypermedia, die Verknüpfung dieser Medien, geht einen Schritt darüber hinaus und ermöglicht es, gemeinsam ein neues Ganzes zu schaffen. Die Struktur Hypermedia zu verstehen und aktiv anzuwenden schafft Verständnis und Urteilskompetenz für komplexe Prozesse wie das World Wide Web.

Die Methode bei der Gruppenarbeit ist die Simultanität verschiedener Arbeitsschwerpunkte. Den Teilnehmern in der Gruppe stehen viele Ausdrucksmöglichkeiten gleichzeitig offen: Textverarbeitung, Bildbearbeitung, Zeichnen und Computeranimation, Video, Soundcollage und -komposition, Recherche von Informationen bei Menschen, in Archiven oder Netzen, Programmierung und Authoring (Arbeit mit einem Autorensystem). Jeder einzelne Jugendliche kann - je nach Interesse und Angemessenheit an die Aufgabenstellung - einzelne Werkzeuge aus einer breiten Palette an technischen und gestalterischen Mitteln wählen, ausprobieren, für sich entdecken und nutzen. Im Blick auf ein gemeinsames Projektthema, an dem alle arbeiten, ist Recherche und Kommunikation in Mailboxnetzen und im Internet mehr oder weniger nützlich und angemessen und kann zu einem sinnvoll genutzten Werkzeug werden.

Vorteile der CD-ROM als Datenträger liegen in der großen Speicherkapazität von 640 MB und in der Möglichkeit, verschiedenen Medien auf einem einzigen Träger zu speichern. CD-ROM Laufwerke sind mit 5,3 Mio Stück in Deutschland weit verbreitet. (...)

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  • Ebenen der Kommunikation

Medienpädagogische Projekte stellen Rahmenbedingungen her, in denen kommunikative Prozesse stattfinden können. Der Rahmen in unseren Multimediaprojekten ist dreistufig: die Gruppe, die Kooperationspartner, die Öffentlichkeit.

Der engste Rahmen, in dem die wichtigsten sozialen Prozessen stattfinden, ist die Ebene der Gruppe. Die Gruppe arbeitet über viele Wochen täglich zusammen, unerläßliche Bedingungen für die Arbeit sind soziale Fähigkeiten wie Pünktlichkeit, Verläßlichkeit, die Einhaltung von Absprachen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Dennoch sind sie keinesfalls selbstverständlich, sondern müssen gelernt und immer wieder neu eingefordert werden. Die Gruppe erarbeitet ein gemeinsames Thema, das sie entweder einstimmig im Diskussionsprozeß bestimmt oder das zu Projektbeginn bekannt und allgemeiner Konsens ist. Der Gruppenrahmen bleibt konstant und ist das Feld für gemeinsames Arbeiten und Lernen, Spaß und Kontakt. Im Rahmen der Vorgaben, die zu Beginn vom Team gemacht und später als Konsens erarbeitet werden, kann jeder Jugendliche persönliche Schwerpunkte in der Gestaltung eines Projektteils und in der Wahl der Arbeitsmittel setzen. Kriterien für Hard- und Software sind, daß sie flexibel sind und den kommunikationsorientierten Arbeitsstil ermöglichen: Partnerarbeit, kommunikative Erfahrungen, erfahrungsorientiertes Lernen.

Der nächstgrößere Rahmen wird durch das Projektthema und Kontakte in diesem Zusammenhang abgesteckt. Aus der Sicherheit der Gruppe heraus können die Jugendlichen nach außen treten und Kontakt zu Partnern aufnehmen, mit denen wir im Projekt zusammenarbeiten. Ob Interviews gemacht werden oder ob ein Kooperationspartner uns Material zur multimedialen Aufbereitung bringt, dieser zweite Rahmen ist ein Lernfeld, in dem mit der erworbenen technischen und sozialen Kompetenz experimentiert werden kann.

Den dritten und weitesten Rahmen eines Projekts stellen die Öffentlichkeit, Vertreter der Massenmedien oder Politik und die Netze dar. Hier geht es darum, eigene Interessen und Vorstellungen verständlich zu formulieren, nach außen zu tragen und zu vertreten sowie Informationen einzuholen und Zusammenhänge zu verstehen. Netze sind im Projekt der denkbar größte Rahmen und machen Sinn als Erweiterung der realen Räume und Begegnungs- und Darstellungsmöglichkeiten.

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  • Multimedia für alle - Partizipation der 'information poor'

Je geringer die Bildungsvoraussetzungen sind, die ein Jugendlicher mitbringt, desto bedeutsamer ist der Gruppenrahmen als Lernfeld für den Erwerb kommunikativer Kompetenz. (...) In Multimedia-Projekte setzen wir bei den Ressourcen und Kompetenzen der Teilnehmer an, die sowohl im Interesse an Computern als auch im Umgang mit Bildern und Musik ohne Zweifel da sind. Der Gruppenrahmen, der als feste Größe über lange Zeit konstant bleibt, ermöglicht es, kommunikative und soziale Kompetenz auszubilden und damit die Voraussetzungen für eine kreative Integration des gelernten Wissens in die Persönlichkeit zu schaffen. Multimedia-Angebote erreichen Jugendliche mit einem passiv-zerstreuten Mediennutzungsstil dann, wenn es gelingt, ihre Neugier zu wecken, an ihren Interessen und Kompetenzen anzusetzen und aktives Handeln zu fördern. Dazu ist es notwendig, den Jugendlichen Zeit zu lassen, die Technik zu lernen und sich damit kreativ auszudrücken. Die Motivation zu Computerarbeit und das hohe Sozialprestige, das Computerkompetenz bei Jugendlichen immer noch genießt, genügen als Grundlage für die gemeinsame Arbeit und helfen über Anforderungen, Frustrationen und Mißerfolge hinweg.

Gerade um sozial benachteiligte Jugendliche zu erreichen und zu eigener Produktion zu ermutigen, ist das medienintegrative Verständnis von Multimedia sehr sinnvoll. In dieses ist selbstverständlich Online-Kommunikation über Mailboxen oder Internet problemlos integrierbar.

  • Multimedia in die Jugendarbeit! - soziale Utopien und kreative Konzepte

Besondere Aufgabe der Jugendarbeit hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklungen mit Multimedia sollte die Anwaltschaft für unterprivilegierte Jugendliche sein, schon allein deshalb, weil sie einen großen Teil ihrer Klientel stellen. (...) Der Jugendarbeit ist der Gedanke, technische Innovationen an ihrer Brauchbarkeit für soziale Utopien zu messen, vertraut, oft vereinigt sich bei Jugendarbeitern Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen mit der Bereitschaft zu Innovationen. Nachhaltiges Wirtschaften und ein ganzheitlicher Arbeitsstil sowie die optimale Nutzung verfügbarer Ressourcen in Form von Arbeitskraft, Kompetenz oder technischer Ausstattung (...) sind oft die Eigenarten des Arbeitsfeldes Jugendarbeit. Diese Ressourcen sind ein idealer Nährboden, auf dem eine Multimedia-Kultur von unten wachsen kann, die von vorhandenen soziokulturellen Bedingungen ausgeht, sie thematisiert und Multimedia zu einer aktiven Lebensform macht, in der Menschen sich ausdrücken, entfalten und begegnen können. Die Kooperation mit ganz unterschiedlichen Trägern, Einrichtungen und vielleicht Firmen ist dabei notwendig, und die Jugendarbeit sollte ihre Chance nutzen, ihre Anliegen und ihre Kompetenz in diese Kooperation einzubringen.

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz verpflichtet im § 11 die Träger der Jugendarbeit dazu, daß "Angebote der Jugendarbeit (...) an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden [sollen], sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen." Multimedia bietet ohne Zweifel ganz hervorragende Chancen dazu.

Literatur

Böcker, D. u. Schillo, J. (Hrsg.) "Computer in der Jugendarbeit". Juventa, Weinheim und München 1995
Hooffacker, G.: "Wir nutzen Netze". Steidl, Göttingen 1995, S. 43

Kubicek, H.: "Was die IKÖ noch bewirken könnte - Bündelung öffentlicher Interessen bei den Datenautobahnen - USA als Vorbild". In: Zeitschrift des IKÖ 14/ Dezember 1994, Bonn. Veröffentlicht im Beitrag von C. Swertz in CL/ TECHNIK/ FOLGEN am 4.1.95

Riehm, U. u. Wingert, B.: "Multimedia - Mythen, Chancen und Herausforderungen". Bollmann, Mannheim 1995

Schell, F.; Schorb, B.; Palme, H.-J.: "Jugend auf der Datenautobahn". KoPäd, München 1995

Schindler, W. und Bader, R. (Hrsg.) "Menschen am Computer. Zur Theorie und Praxis der Computermedienpädagogik in Jugendarbeit und Erwachsenenbildung". Beiträge zur Medienpädagogik. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik. Steinkopf, Frankfurt 1995


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Dieser Beitrag ist der gekürzte Projektbericht, der sozialpolitische Bedingungen und unser medienpädagogisches Konzept der Jugendarbeit mit Multimedia reflektiert. Der vollständige Bericht ist in der Fachzeitschrift

"medien und erziehung" 6'96

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